Beim Griff ins Supermarktregal fällt der Blick oft auf Flaschen mit Mineralwasser, die durch bunte Etiketten, fröhliche Symbole oder vertrauensweckende Siegel auffallen. Besonders wenn es um Getränke für den Nachwuchs geht, verlassen sich Eltern auf optische Signale, die Qualität und Unbedenklichkeit versprechen. Doch die Realität sieht anders aus: Viele dieser Kennzeichnungen auf Mineralwasser mit Kohlensäure haben wenig mit tatsächlicher Kindergeeignetheit zu tun und dienen primär Marketingzwecken.
Die Macht der optischen Täuschung im Getränkeregal
Hersteller kennen die Psychologie des Einkaufsverhaltens genau. Ein niedliches Symbol, eine kindgerechte Farbgestaltung oder ein offiziell wirkendes Siegel können binnen Sekunden Kaufentscheidungen beeinflussen. Dabei muss streng unterschieden werden zwischen gesetzlich geregelten Kennzeichnungen und reinen Werbeaussagen. Mineralwasser mit Kohlensäure unterliegt zwar der Mineral- und Tafelwasser-Verordnung, doch die meisten bildlichen Elemente auf den Etiketten sind freiwillige Zusätze ohne behördliche Prüfung.
Problematisch wird es, wenn Eltern annehmen, dass bestimmte Symbole eine besondere Eignung für Kinder garantieren. Ein Regenbogen, eine Comicfigur oder ein lachendes Gesicht suggerieren Harmlosigkeit und Kindertauglichkeit, ohne dass dahinter ernährungswissenschaftliche Kriterien stehen. Während die Kennzeichnung „geeignet für die Zubereitung von Säuglingsnahrung“ strikten behördlichen Anforderungen unterliegt, sind grafische und spielerische Designelemente nicht reguliert.
Welche Kennzeichnungen täuschen Kindergeeignetheit vor?
Spielerische Grafiken und Comicfiguren
Flaschen, die mit bunten Tierfiguren, Fantasiewesen oder anderen kinderaffinen Motiven bedruckt sind, erwecken automatisch den Eindruck, für junge Konsumenten konzipiert zu sein. Diese Gestaltungselemente haben jedoch keinerlei Aussagekraft über die Inhaltsstoffe oder die physiologische Verträglichkeit. Sie dienen ausschließlich dazu, die Aufmerksamkeit der Zielgruppe zu gewinnen und Sympathie zu erzeugen.
Siegel ohne standardisierte Bedeutung
Besonders tückisch sind Prüfsiegel oder Qualitätskennzeichen, die keine einheitliche Definition besitzen. Ein Symbol, das wie ein offizielles Zertifikat aussieht, kann lediglich eine interne Herstellerprüfung darstellen. Ohne konkrete Angaben darüber, welche Kriterien geprüft wurden und von welcher unabhängigen Stelle die Zertifizierung stammt, bleiben solche Siegel inhaltsleer. Bei Mineralwasser mit Kohlensäure werden diese oft neben Aussagen wie „geprüfte Qualität“ oder „kontrollierte Quelle“ platziert – Formulierungen, die gesetzlich vorgeschrieben sind und nichts über Kindergeeignetheit aussagen.
Farbpsychologie und Schriftgestaltung
Pastellfarben, abgerundete Schriftarten und verspielte Typografie vermitteln Sanftheit und Harmlosigkeit. Diese Designelemente sind bewusst gewählt, um eine emotionale Verbindung herzustellen. Die Kohlensäure im Inneren der Flasche bleibt davon unberührt. Für kleine Kinder wird stilles Wasser bevorzugt empfohlen, unabhängig davon, ob das Etikett in Rosa oder Himmelblau gehalten ist.
Warum stilles Wasser für Kinder empfohlen wird
Ernährungsexperten empfehlen für Kinder grundsätzlich stilles Wasser. Dies gilt insbesondere für Säuglinge und Kleinkinder bis etwa drei Jahre. Nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit gehören Erzeugnisse, die sich zur Säuglingsernährung eignen, in der Regel zu den sogenannten stillen Mineralwässern, die von Natur aus nur sehr wenig Kohlensäure aufweisen.
Ein wichtiger Grund für diese Empfehlung liegt in der mikrobiologischen Sicherheit. Kohlensäurehaltige Mineralwässer weisen durch ihren niedrigeren pH-Wert zwar einen guten Schutz gegen Verkeimungen auf, doch bei der Zubereitung von Säuglingsnahrung sind stille, leicht mineralisierte Wasser die bevorzugte Wahl. Diese Empfehlungen stehen im Widerspruch zu manchen Marketingstrategien, die durch kindergerechte Aufmachung suggerieren, das Produkt sei optimal für junge Verbraucher geeignet.
Worauf Verbraucher tatsächlich achten sollten
Mineralstoffgehalt und Zusammensetzung
Statt sich von Symbolen leiten zu lassen, lohnt der Blick auf die Analysewerte auf dem Etikett. Für Kinder ist ein niedriger Natriumgehalt vorteilhaft – idealerweise unter 20 Milligramm pro Liter. Nach der Mineral- und Tafelwasser-Verordnung muss der Natriumgehalt für Wasser, das zur Zubereitung von Babynahrung geeignet ist, unter dieser Grenze liegen. Auch der Sulfat- und Nitratgehalt sollte niedrig sein. Diese Angaben sind gesetzlich vorgeschrieben und bieten objektive Informationen. Ein niedlicher Bär auf dem Etikett sagt hingegen nichts über die Mineralisierung aus.

Die Kohlensäurestufe hinterfragen
Nicht jedes Sprudelwasser ist gleich. Es gibt verschiedene Kohlensäurestufen – von „sanft“ bis „extra spritzig“. Für Kinder, wenn überhaupt kohlensäurehaltiges Wasser gewählt wird, sollte die sanfteste Variante bevorzugt werden. Diese Information findet sich meist im Kleingedruckten, nicht in den großflächigen Werbebotschaften.
Kritischer Blick auf Werbeaussagen
Formulierungen wie „familienfreundlich“, „für die ganze Familie“ oder „natürlich rein“ sind rechtlich oft zulässig, ohne konkrete Anforderungen erfüllen zu müssen. Sie erzeugen positive Assoziationen, ohne bindende Qualitätsversprechen abzugeben. Verbraucher sollten diese sprachlichen Strategien erkennen und sich nicht ausschließlich darauf verlassen.
Die Verantwortung liegt beim informierten Konsum
Die rechtlichen Rahmenbedingungen lassen Herstellern erheblichen Spielraum bei der Gestaltung ihrer Verpackungen. Solange keine explizit falschen Behauptungen aufgestellt werden, sind viele Marketingkniffe erlaubt. Dies bedeutet nicht, dass die Produkte minderwertig sind – Mineralwasser unterliegt strengen Qualitätsstandards in Deutschland mit klaren Grenzwerten unter anderem für Nitrat, Nitrit oder Schwermetalle. Eine Untersuchung von 283 Mineral-, Quell- und Tafelwassern zeigte bei keiner der Proben eine mikrobiologische oder chemische Auffälligkeit.
Die Irreführung entsteht vielmehr durch die Suggestion einer besonderen Eignung, die faktisch nicht existiert. Verbraucher können dieser Herausforderung begegnen, indem sie bewusster einkaufen. Das bedeutet konkret: Symbolik und Design als das erkennen, was sie sind – Verkaufsstrategien. Die eigentlich relevanten Informationen stehen in der Zutatenliste und der Nährwerttabelle. Für Kinder ist in den meisten Fällen stilles Mineralwasser die bessere Wahl, unabhängig von der Verpackungsgestaltung.
Babywasser ist nicht besser als andere geeignete Wässer
Speziell als „Babywasser“ vermarktete Produkte erwecken den Eindruck höherer Qualität oder besonderer Eignung. Das Landesamt für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt kommt jedoch zum Fazit: Babywasser ist nicht schlechter, aber eben auch nicht besser als andere geeignete Wässer. Abgekochtes Trinkwasser oder für die Säuglingsernährung geeignetes Mineralwasser erfüllt die Bedürfnisse von Säuglingen und Kleinkindern genauso wie Babywasser.
Wichtig zu wissen: Mineralwasser, das als Babywasser verkauft wird und hitzebehandelt wurde, muss vor der Zubereitung von Säuglingsnahrung nicht abgekocht werden – dies gilt allerdings nur, wenn die Hitzebehandlung auf der Packung ausgewiesen ist. Mineralwasser ohne entsprechenden Hinweis sollte hingegen abgekocht werden, auch wenn es speziell für Babys beworben wird.
Praktische Tipps für den nächsten Einkauf
- Ignorieren Sie kindgerechte Designs als Entscheidungskriterium und konzentrieren Sie sich auf die Analysewerte
- Prüfen Sie den Natriumgehalt – für Kinder sollte dieser unter 20 Milligramm pro Liter liegen
- Bevorzugen Sie stilles Wasser für Säuglinge und Kleinkinder grundsätzlich
- Hinterfragen Sie Siegel – recherchieren Sie, welche Institution dahintersteht
- Achten Sie auf die Kennzeichnung „geeignet für die Zubereitung von Säuglingsnahrung“, die strikten behördlichen Anforderungen unterliegt
- Lesen Sie das Kleingedruckte statt sich von großflächigen Werbebotschaften leiten zu lassen
Die Entscheidung für oder gegen ein Produkt sollte auf Fakten basieren, nicht auf emotionalen Reizen. Gerade bei Lebensmitteln für Kinder ist diese Unterscheidung von besonderer Bedeutung. Mineralwasser mit Kohlensäure ist kein schädliches Produkt, aber die Suggestion durch Marketing, es sei speziell für Kinder geeignet, entspricht nicht den ernährungswissenschaftlichen Empfehlungen. Wer diese Mechanismen durchschaut, trifft bessere Kaufentscheidungen und schützt die Gesundheit der Familie effektiver als durch blindes Vertrauen in bunte Etiketten.
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