Ciabatta gehört zu den beliebtesten Brotsorten in deutschen Supermärkten und Bäckereien. Das luftig-lockere italienische Weißbrot mit seiner charakteristischen Kruste findet sich auf unzähligen Frühstückstischen und wird gerne für Sandwiches verwendet. Doch hinter der scheinbar simplen Zutatenliste verbergen sich potenzielle Gesundheitsrisiken, die vor allem für Allergiker zur ernsthaften Bedrohung werden können. Die Kennzeichnung von Allergenen wie Sesam, Soja oder Lupinen ist nicht immer so transparent, wie es sein sollte – ein Problem, das weitreichende Konsequenzen haben kann.
Die unsichtbare Gefahr im Brotkorb
Während einige Verbraucher bei Ciabatta von einer überschaubaren Zutatenliste ausgehen – Mehl, Wasser, Hefe, Salz und Olivenöl – sieht die Realität bei vielen kommerziellen Produkten komplexer aus. Handwerklich hergestelltes Ciabatta kann tatsächlich aus nur fünf einfachen Zutaten bestehen, doch moderne Backwaren aus industrieller Produktion enthalten häufig zusätzliche Zutaten, die die Haltbarkeit verlängern, die Textur verbessern oder Produktionsabläufe optimieren sollen. Genau hier beginnt das Problem für Menschen mit Lebensmittelallergien.
Sesamsamen werden beispielsweise nicht nur als sichtbare Dekoration auf der Oberfläche verwendet, sondern können auch in Mehlmischungen enthalten sein. Sojaprodukte finden als Emulgatoren oder Mehlbehandlungsmittel Verwendung, während Lupinenmehl zunehmend als proteinreiches Additiv eingesetzt wird. Das Tückische: Diese Zutaten müssen nicht immer auf den ersten Blick erkennbar sein, obwohl Gesetze zur Allergenkennzeichnung eine klare Identifikation erfordern.
Warum die Kennzeichnung oft unzureichend ist
Die Lebensmittelinformationsverordnung schreibt zwar vor, dass die 14 Hauptallergene deutlich gekennzeichnet werden müssen, doch die praktische Umsetzung lässt häufig zu wünschen übrig. Bei verpacktem Ciabatta aus dem Supermarkt findet sich die Allergeninformation meist in der Zutatenliste – allerdings oft in kleiner Schrift und zwischen zahlreichen Zusatzstoffen und E-Nummern wie Emulgatoren oder Stabilisatoren versteckt.
Besonders problematisch wird es bei loser Ware in Bäckereien oder an Backtheken in Supermärkten. Hier fehlt eine verpflichtende schriftliche Kennzeichnung häufig völlig, und Verbraucher müssen aktiv nachfragen. Doch selbst geschultes Personal kann nicht immer verlässlich Auskunft geben, besonders wenn Teigmischungen von externen Lieferanten bezogen werden.
Spurenkennzeichnungen schaffen zusätzliche Verwirrung
Ein weiteres Problem sind die sogenannten Spurenkennzeichnungen. Formulierungen wie „kann Spuren von Sesam enthalten“ oder „hergestellt in einem Betrieb, der auch Soja verarbeitet“ sind rechtlich nicht verpflichtend und werden von Herstellern unterschiedlich gehandhabt. Manche Hersteller vermerken „Spuren möglich: Sesam, Roggen“, andere schreiben „Enthält möglicherweise Spuren von Erdnüsse, Nüsse, Sesamsamen, Lupine“, wieder andere formulieren „Kann Spuren von Eier, Milch, Lupinen und Sesam enthalten“.
Für Allergiker entsteht dadurch eine massive Unsicherheit: Ist das Risiko real oder handelt es sich lediglich um eine Absicherung des Herstellers? Ohne klare Standards bleibt dies eine ständige Gratwanderung zwischen übermäßiger Vorsicht und unnötigem Verzicht.
Sesam: Der unterschätzte Auslöser
Seit Januar 2021 gilt Sesam offiziell als Allergen und muss in der EU als kennzeichnungspflichtiges Hauptallergen deklariert werden. Diese späte Anerkennung überrascht, denn Sesamallergien gehören zu den häufigsten Lebensmittelallergien und können schwere anaphylaktische Reaktionen auslösen. Bei Ciabatta wird Sesam auf verschiedene Arten verwendet: als Topping, in Gewürzmischungen oder als Bestandteil von Mehlmischungen zur Verbesserung der Backeigenschaften.
Das Problem: Während sichtbare Sesamsamen auf der Oberfläche leicht zu erkennen sind, bleibt Sesamöl oder gemahlener Sesam in der Teigmischung für den Verbraucher unsichtbar. Selbst minimale Mengen können bei hochsensiblen Personen bereits Reaktionen hervorrufen. Die Gefahr wird dadurch verstärkt, dass viele Betroffene ihre Sesamsensibilität nicht kennen oder unterschätzen.
Soja und Lupinen: Die versteckten Proteinquellen
Sojaprodukte haben in der Brotproduktion vielfältige Funktionen. Sojalecithin dient als Emulgator, Sojaprotein verbessert die Teigstruktur, und Sojamehl kann als kostengünstige Ergänzung dem Weizenmehl beigemischt werden. Die Verwendung erfolgt häufig in so geringen Mengen, dass sie geschmacklich nicht wahrnehmbar ist – für Allergiker jedoch potentiell gefährlich bleibt. Tatsächlich enthalten zahlreiche handelsübliche Ciabatta-Produkte Sojaprotein oder andere Sojabestandteile.

Lupinenmehl erlebt derzeit einen Aufschwung als pflanzliche Proteinquelle und Mittel zur Teigverbesserung. Es wird besonders gerne in Backwaren verwendet, die als „proteinreich“ oder „mit pflanzlichen Zusätzen“ beworben werden. Personen mit Erdnussallergie sollten hier besonders vorsichtig sein, denn Lupinen und Erdnüsse gehören beide zur Familie der Leguminosen. Trotzdem ist vielen Verbrauchern diese botanische Verwandtschaft nicht bekannt.
Kontaminationsrisiken in der Produktion
Selbst wenn ein Ciabatta-Rezept keine allergenen Zutaten vorsieht, kann es während der Produktion zu Kontaminationen kommen. In Großbäckereien werden oft verschiedene Brotsorten auf denselben Anlagen hergestellt. Teigmischer, Arbeitsflächen und Öfen können Rückstände enthalten, die von einem Produkt zum nächsten übertragen werden.
Die Reinigungsprotokolle zwischen verschiedenen Produktionschargen variieren erheblich. Während einige Betriebe strikte Trennungen und intensive Reinigungsverfahren praktizieren, arbeiten andere weniger sorgfältig. Diese Unterschiede spiegeln sich jedoch selten in der Produktkennzeichnung wider, sodass Verbraucher keine Möglichkeit haben, risikoärmere Produkte zu identifizieren.
Was Verbraucher konkret tun können
Die unzureichende Kennzeichnung bedeutet nicht, dass Allergiker auf Ciabatta verzichten müssen. Es erfordert jedoch erhöhte Wachsamkeit und aktives Handeln. Bei verpackten Produkten sollte die Zutatenliste vollständig gelesen werden – auch die kleingedruckten Hinweise zu möglichen Spurenelementen. Bei Unsicherheit hilft der direkte Kontakt zum Hersteller, viele bieten mittlerweile Allergiker-Hotlines oder detaillierte Informationen auf ihren Websites.
An Backtheken empfiehlt sich das gezielte Nachfragen nach Zutaten und Herstellungsbedingungen. Seriöse Anbieter sollten bereitwillig Auskunft geben können. Falls das Personal unsicher wirkt oder keine klaren Informationen liefert, ist Vorsicht geboten. Praktische Tipps für den Einkauf:
- Einfachere Produkte mit kürzeren Zutatenlisten bevorzugen – sie bergen tendenziell geringere Risiken
- Handwerklich hergestelltes Ciabatta aus traditionellen Rezepturen wählen, das oft weniger Zusatzstoffe enthält
- Bei Fertigmischungen besonders vorsichtig sein, da deren genaue Zusammensetzung oft unklar ist
- Regionale kleinere Bäckereien aufsuchen, die häufig bessere Kontrollmöglichkeiten über ihre Produktionsprozesse haben
Die Rolle der Produktwahl
Während ein handwerkliches Ciabatta aus einer kleinen Bäckerei mit nur fünf Zutaten auskommt, weisen industrielle Produkte häufig neun oder mehr Zutaten plus verschiedene E-Nummern auf. Diese Komplexität erschwert nicht nur die Rückverfolgbarkeit, sondern erhöht auch das Risiko unerkannter Allergene. Besondere Vorsicht ist bei Fertigmischungen geboten, die zunehmend auch von kleineren Bäckereien verwendet werden und deren genaue Zusammensetzung selbst dem Bäcker nicht immer vollständig bekannt ist.
Politischer Handlungsbedarf
Die derzeitige Rechtslage reicht offensichtlich nicht aus, um Allergiker ausreichend zu schützen. Verbraucherschutzorganisationen fordern seit Jahren eine verpflichtende, standardisierte Allergenkennzeichnung auch für lose Ware. Digitale Lösungen wie QR-Codes könnten detaillierte Informationen zugänglich machen, ohne den Platzbedarf auf Etiketten zu erhöhen.
Auch die Regelung der Spurenkennzeichnung bedarf dringend einer Vereinheitlichung. Klare Schwellenwerte und einheitliche Formulierungen würden Verbrauchern helfen, das tatsächliche Risiko besser einzuschätzen. Einige europäische Länder gehen bereits mit gutem Beispiel voran und zeigen, dass praktikable Lösungen möglich sind.
Die Problematik versteckter Allergene in Ciabatta illustriert ein grundsätzliches Problem in unserem Lebensmittelsystem: Die zunehmende Komplexität der Rezepturen und Produktionsprozesse macht es für Verbraucher immer schwieriger, informierte Entscheidungen zu treffen. Für Menschen mit Allergien kann diese Intransparenz lebensbedrohlich werden. Bis sich die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessern, bleibt Betroffenen nur der Weg der Eigeninitiative – verbunden mit der ständigen Hoffnung, dass Hersteller ihrer Verantwortung gerecht werden und Transparenz nicht als lästige Pflicht, sondern als Grundrecht der Verbraucher verstehen.
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