Mineralwasser mit Kohlensäure dominiert die Regale deutscher Supermärkte und erreicht einen Marktanteil von über 70 Prozent. Drei von vier Deutschen greifen regelmäßig zu den sprudelnden Varianten, egal ob mit viel oder wenig Kohlensäure. Doch bei diesem alltäglichen Getränk setzen Handelsketten und Hersteller auf raffinierte Marketing-Strategien, die Verbraucher gezielt in die Irre führen. Besonders perfide ist die Kombination aus verlockenden Rabattaktionen und Werbeversprechen, die suggerieren, man würde ein hochwertiges Premium-Produkt zum Schnäppchenpreis bekommen. Die Realität sieht meist anders aus.
Wenn der Preisnachlass zur Täuschungsfalle wird
Knallrote Preisschilder, durchgestrichene Ursprungspreise und Aufkleber mit „25% reduziert“ wecken bei vielen Käufern den Jagdinstinkt. Doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sich der vermeintliche Rabatt häufig als clevere Marketingstrategie ohne echten Mehrwert. Viele Mineralwässer werden mit einem künstlich erhöhten Referenzpreis ausgezeichnet, nur um dann „reduziert“ angeboten zu werden. Der angebliche Normalpreis wurde jedoch möglicherweise nie oder nur für wenige Tage tatsächlich verlangt.
Diese Praxis bewegt sich zwar in rechtlichen Grauzonen, ist ethisch jedoch mehr als fragwürdig. Verbraucher treffen ihre Kaufentscheidung auf Basis falscher Annahmen und zahlen letztlich einen durchschnittlichen oder sogar überhöhten Preis, während sie sich über ein vermeintliches Schnäppchen freuen. Die Enttäuschung folgt spätestens dann, wenn dasselbe Produkt in der Folgewoche zum gleichen Preis erneut im Angebot steht.
Premium-Begriffe ohne rechtliche Definition
Besonders problematisch wird es, wenn Werbeaussagen mit Begriffen wie „Premium“, „Exklusiv“, „Naturquelle der Alpen“ oder „Besonders mineralstoffreich“ arbeiten. Diese Formulierungen klingen vielversprechend, sind aber oft nicht geschützt oder klar definiert. Was macht ein Mineralwasser tatsächlich zu einem Premium-Produkt? Die Antwort ist ernüchternd: rechtlich gesehen praktisch nichts.
Während für Bio-Produkte strenge Richtlinien gelten und geschützte Herkunftsbezeichnungen klaren Regeln folgen, können Mineralwasserhersteller weitgehend frei mit solchen Begriffen jonglieren. Ein Wasser aus einer beliebigen Quelle darf durchaus als „Premium“ vermarktet werden, selbst wenn es sich in seiner Zusammensetzung kaum von deutlich günstigeren Alternativen unterscheidet. Die aufwändige Verpackung mit Goldprägung kostet mehr als der tatsächliche Inhalt.
Der Mineralstoffgehalt als Verkaufsargument
Viele Hersteller werben mit einem besonders hohen Gehalt an bestimmten Mineralstoffen. „Reich an Calcium“, „Magnesiumquelle“ oder „Ideal für den Elektrolythaushalt“ – solche Aussagen suggerieren gesundheitliche Vorteile, die beim genaueren Hinsehen oft übertrieben dargestellt werden. Tatsächlich deckt der durchschnittliche Mineralstoffbedarf eines Menschen sich primär über die feste Nahrung, nicht über Getränke.
Ein Mineralwasser muss lediglich gewisse Mindestmengen an Mineralstoffen enthalten, um bestimmte Werbeaussagen treffen zu dürfen. Diese Grenzwerte sind jedoch so niedrig angesetzt, dass bereits moderate Mengen ausreichen. Der tatsächliche Unterschied zwischen einem beworbenen „mineralstoffreichen“ Wasser und einem Standard-Produkt ist für die Gesundheit meist vernachlässigbar, der Preisunterschied allerdings nicht. Wer seinem Körper etwas Gutes tun will, sollte lieber in abwechslungsreiche Ernährung investieren als in teures Wasser.
Die Psychologie hinter Angebotsaktionen
Supermärkte wissen genau, wie sie Kaufimpulse auslösen. Mineralwasser mit Kohlensäure wird strategisch platziert: am Eingang als Lockangebot, auf Sonderaufstellern in den Gängen oder als Teil von „Kaufe 3, zahle 2″-Aktionen. Diese Platzierungen sind kein Zufall, sondern folgen ausgeklügelten verkaufspsychologischen Konzepten, die Spontankäufe fördern sollen.
Besonders tückisch sind zeitlich begrenzte Angebote mit Formulierungen wie „Nur diese Woche“ oder „Solange der Vorrat reicht“. Sie erzeugen künstlichen Zeitdruck und verleiten zu Spontankäufen, ohne dass Verbraucher die Möglichkeit haben, Preise zu vergleichen oder die tatsächliche Notwendigkeit zu hinterfragen. Der Einkaufswagen füllt sich schneller als geplant, und die Haushaltskasse leidet.

Mehrfachpackungen und der Preis pro Liter
Ein weiterer Trick ist die Angabe von Gesamtpreisen für Mehrfachpackungen ohne deutlich sichtbaren Literpreis. Ein Sixpack für 2,99 Euro klingt zunächst günstig. Doch bei Flaschen mit lediglich 0,5 Litern Inhalt entspricht dies einem Literpreis von etwa 1,00 Euro, während das vermeintlich teurere 1,5-Liter-Einzelprodukt umgerechnet nur 0,65 Euro pro Liter kostet.
Die gesetzlich vorgeschriebene Grundpreisangabe ist oft so klein gedruckt, dass sie im Einkaufsstress übersehen wird. Gerade bei Aktionsware wird gezielt mit auffälligen Preisschildern gearbeitet, die den Blick vom wichtigen Grundpreis ablenken. Wer genau hinschaut, spart bares Geld.
Qualitätsunterschiede: Mehr Schein als Sein
Die objektive Qualität von Mineralwasser mit Kohlensäure unterliegt in Deutschland strengen gesetzlichen Kontrollen. Rund 150 deutsche Mineralbrunnen bieten über 500 verschiedene Mineralwässer an. Jedes als „natürliches Mineralwasser“ bezeichnete Produkt muss aus einer behördlich anerkannten Quelle stammen und regelmäßigen Analysen unterzogen werden. Die Unterschiede zwischen einem teuren und einem günstigen Produkt sind daher primär subjektiver Natur, etwa beim Geschmack oder der Intensität der Kohlensäure.
Dennoch suggerieren Werbekampagnen und Verpackungsdesigns erhebliche Qualitätsunterschiede. Edle Glasflaschen, aufwändige Etiketten mit Goldprägung und Beschreibungen, die an Weinverkostungen erinnern, sollen den Eindruck von Exklusivität vermitteln. Der tatsächliche Inhalt rechtfertigt die Preisaufschläge von teilweise 200 bis 300 Prozent gegenüber Standardprodukten jedoch selten. Am Ende ist es Wasser aus der Erde, das durch Kohlensäure sprudelt.
Worauf Verbraucher achten sollten
Der bewusste Einkauf von Mineralwasser erfordert Aufmerksamkeit und ein gesundes Maß an Skepsis gegenüber Werbeversprechen. Der wichtigste Anhaltspunkt ist der Grundpreis pro Liter, der bei allen Produkten angegeben sein muss. Dieser ermöglicht einen direkten Vergleich, unabhängig von Verpackungsgröße und Aktionspreisen.
Zudem lohnt sich ein Blick auf das Etikett: Die tatsächliche Mineralstoffzusammensetzung muss dort aufgeführt sein. Wer die Werte verschiedener Produkte vergleicht, stellt häufig fest, dass günstige Alternativen dieselben oder sogar höhere Mineralstoffgehalte aufweisen als beworbene Premium-Produkte. Die Erkenntnis ist oft verblüffend und sorgt für ein Umdenken beim nächsten Einkauf.
- Grundpreis pro Liter vergleichen statt auf Aktionspreise achten
- Mineralstoffzusammensetzung auf dem Etikett prüfen
- Preisentwicklungen über Apps oder Vergleichsportale beobachten
- Zeitdruck bei vermeintlichen Sonderangeboten ignorieren
Transparenz als Schlüssel zum bewussten Einkauf
Transparenz und ehrliche Kommunikation sollten im Lebensmittelhandel selbstverständlich sein. Die Realität zeigt jedoch, dass Marketingstrategien oft darauf ausgerichtet sind, emotionale Kaufentscheidungen zu provozieren statt sachliche Informationen bereitzustellen. Wer sich dessen bewusst ist, kann bewusster einkaufen und vermeidet, für Werbeversprechen zu bezahlen, die keinen echten Mehrwert bieten.
Mineralwasser bleibt Mineralwasser, unabhängig davon, wie aufwändig die Verpackung gestaltet ist oder welcher Preisnachlass versprochen wird. Die Deutschen lieben ihre kohlensäurehaltigen Varianten, das zeigt der Marktanteil von über 70 Prozent deutlich. Die Herausforderung liegt darin, zwischen echtem Wert und geschickter Vermarktung zu unterscheiden und sich nicht von bunten Etiketten und vermeintlichen Schnäppchen blenden zu lassen.
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